Diabetes mellitus
Diabetes mellitus: Was ist das eigentlich?
Der Diabetes war schon im Altertum bekannt. Wussten Sie, wie die antiken
Ärzte den Diabetes bei ihren Patienten diagnostizierten? Moderne
Messgeräte und Teststreifen gab es ja noch nicht. Sie verließen sich
ganz einfach auf ihre fünf Sinne bzw. hier auf ihren Geschmackssinn. Der
Urin wurde gekostet und wenn er honigsüß schmeckte, so war die Diagnose
"Diabetes mellitus" gesichert. Diabetes mellitus heißt wörtlich
übersetzt „honigsüßer Durchfluss“. Der Name beschreibt den hohen
Zuckergehalt des Harnes und die Harnflut, die bei hohen Blutzuckerwerten
auftritt. Heute sind wir glücklicherweise mit der Diagnostik etwas
weiter (Urinteststreifen, Blutzuckergeräte zur Selbstmessung), aber wer
weiß, was uns im Rahmen der Kostendämpfung noch alles droht…
Bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts bedeutete die
Erstdiagnose eines erhöhten Blutzuckers über kurz oder lang das
Todesurteil. Der Blutzucker stieg immer weiter an. Tabletten oder
Insulin zur Senkung gab es noch nicht. Die Zuckerwerte stiegen auf 200,
300, 500 und mehr mg/dl (Normalwerte
Rationale
Labordiagnostik). Schließlich fielen die Patienten nach Tagen oder
Wochen in ein diabetisches Koma und verstarben. Mit der Gabe von Insulin (aus Schweine- oder Rinderbauchspeicheldrüsen gewonnen, erst seit einigen Jahren steht gentechnologisch hergestelltes menschliches Insulin zur Verfügung) konnten diese Menschen gerettet werden. Um die Mitte des letzten Jahrhunderts wurden dann auch Medikamente entwickelt, die nicht wie das Insulin gespritzt werden mussten, sondern die als Tablette verabreicht werden konnten wie Glibenclamid (z.B. Euglucon®) oder Metformin (z.B. Siofor®). Inzwischen stehen noch modernere (und noch viel teurere) Medikamente zur Verfügung, die so genannten Insulinsensitizer (z.B. Avandia®), die also den Körper gegenüber der Einwirkung von selbst produziertem oder zugeführtem Insulin empfindlicher machen sollen. Doch da sind wir schon bei der Therapie angelangt. Zunächst einmal zur Diagnostik. Diagnostik: Wie wird der Diabetes erkannt?
Gesunde Menschen können soviel Süßes essen, wie sie wollen (sollten sie
natürlich trotzdem nicht) - der Blutzucker wird eine bestimmte Schwelle
im Blut nicht überschreiten. Zuckerkranke können größere Zuckermengen
jedoch nicht schnell genug verarbeiten. Der Blutzucker steigt rasch an.
Wenn die so genannte Nierenschwelle (meist bei etwa 160-180 mg/dl
Glukose im Blut) überschritten wird, erscheint
Heute treten diese Symptome eigentlich nur noch bei der
Erstmanifestation des Typ I-Diabetes auf. Meist wird ein Diabetes
anlässlich einer Routineuntersuchung beim Arzt oder in der Apotheke
entdeckt. Oftmals gibt es hier Grenzwerte, die einen Diabetes nicht ganz
sicher nachweisen, aber auch nicht ausschließen. Wenn sich der Arzt
nicht sicher ist, so kann er einen so genannten oralen
Glukosetoleranztest durchführen. Dabei muss der Proband 75 g reinen
Traubenzucker in kurzer Zeit trinken. Der Blutzucker wird vorher
nüchtern und nach dem Trinker in halbstündigen Abständen gemessen.
Steigt er dabei über einen Wert von 180 mg/dl an, so liegt eine orale
Glukosetoleranzstörung vor - größere Zuckermengen kann der Organismus
nicht ausreichend schnell verstoffwechseln.
Die Urinuntersuchung auf Blutzucker ergänzt die Diagnostik. Werden dort
größere Mengen gefunden, so muss der Blutzucker in den letzten Stunden
zumindest zeitweise über der Nierenschwelle gelegen haben. Die Nieren
konnten nicht mehr den gesamten Zucker aus dem Primärharn zurück
resorbieren. Dieser Rest wurde dann ausgeschieden.
Eine weitere wichtige Untersuchung ist die Bestimmung des HbA1c im Blut.
Dabei handelt es sich sozusagen um eine Langzeitblutzuckerbestimmung.
Manche Diabetiker haben inzwischen schlaue Strategien entwickelt, um
ihren Arzt zu überlisten. Wenn ein Diabetiker sich nicht an die
Empfehlungen zur Lebensführung gehalten hat und nicht von der Sahnetorte
und anderen Leckereien lassen kann, dann weiß er natürlich, dass er
keine schönen Blutzuckerwerte aufweist. Wenn er dann vom Arzt
einbestellt wird, möchte er sich nach seinen „Diätsünden“ natürlich
keine „Predigten“ anhören. Also ernährt er sich in den letzten Tagen vor
einer anstehenden Kontrolle genau so, wie der Arzt es empfohlen hat, und
geht ruhigen Gewissens zur Prüfung. Natürlich wissen wir, dass der
Diabetiker dabei nicht nur den Arzt täuscht, sondern vor allem sich
selbst dabei in die Tasche lügt. Der Arzt hat ja nichts von den guten
Werten, sondern der Diabetiker selbst profitiert davon
- jedenfalls dann, wenn es „ehrliche“, gute Werte sind. Wir können hier
so offen über solche Täuschungsmanöver reden, weil die Leser dieses
Artikels so etwas natürlich niemals machen würden…
Aber die Ärzte sind auch nicht dumm. Sie haben inzwischen labormäßig
nämlich nachgerüstet. Während der Arzt mit dem Blutzucker exakt nur die
aktuelle Situation beim Diabetes beschreiben kann und aus dem Urinwert
annähernd die letzten Stunden beurteilen kann, gibt der HbA1c-Wert
Aufschluss über die letzten Wochen bis Monate. Auch wenn der Blutzucker
also in den letzten Tagen durch eine disziplinierte Ernährung sehr gut
war, fließen sämtliche Sahnetorten der letzten drei Monate mit in die
Messung ein! Je länger hohe Blutzuckerwerte vorlagen und je höher diese
waren, desto höher ist auch der HbA1c-Spiegel. Er kann also sehr gut zur
Steuerung der Dauertherapie des Diabetes eingesetzt werden (weitere
Infos zur Diagnostik des Diabetes unter:
Rationale
Labordiagnostik).
Insulin: Der Dreh- und Angelpunkt des Diabetes
Um die Entstehung des Diabetes zu erklären, muss ich Sie kurz in die
Welt der Anatomie und Physiologie entführen. Keine Angst, es wird nicht
zu wissenschaftlich! In unserem Körper haben wir eine Arbeitsteilung.
Das Herz pumpt das Blut durch den Kreislauf, die Leber entgiftet es und
das Hirn denkt (sollte es zumindest). Manche Organe synthetisieren
wichtige Substanzen, die für den Organismus essentiell, d.h.
lebensnotwendig sind – aber nicht so wichtig, dass jede Zelle sie selbst
produzieren müsste. Beispiele hierfür sind das Hormon Thyroxin aus der
Schilddrüse, Gerinnungsfaktoren aus der Leber und eben das Insulin aus
der Bauchspeicheldrüse.
Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) sitzt unterhalb des Magens. Sie ist
eigentlich ein doppeltes Organ. Einerseits produziert sie
Natriumhydrogencarbonat (Natron) und Enzyme, die für die Verdauung im
Dünndarm erforderlich sind. In kleinen Zellnestern innerhalb der
Bauchspeicheldrüse, den so genannten Langerhansschen Inseln, produziert
sie das für den Kohlenhydratstoffwechsel so wichtige Insulin. Der
Berliner Pathologe Paul Langerhans entdeckte als 24jähriger im Jahre
1869 die nach ihm benannten Zellgruppen. (Nebenbei: Bei Diabetikern –
bei Diabetes Typ I mehr als bei Diabetes Typ II – ist nicht selten auch
die exkretorische Funktion, also die Produktion der Verdauungssäfte
gestört; bei Diabetikern mit chronischen Blähungen oder Durchfällen
lohnt es sich, die Pankreas-Elastase I im Stuhl zu untersuchen!) Dazu
schauen Sie doch mal in
unseren Artikel zur
Bauchspeicheldrüsenschwäche
Wenn der Zuckergehalt des Blutes erhöht ist, dann stellt dies einen Reiz
für die Langerhansschen Inseln dar, Insulin frei zu setzen. Dieses
fördert den Transport von Zucker in die Zellen, besonders in die Fett-
und Muskelzellen. Gleichzeitig wird der Abbau von Stärke in Glukose in
der Leber vermindert. Insulin dient also dem Aufbau von Energiereserven
und verhindert den Abbau derselben. Es hat aber auch Wirkungen auf den
Eiweiß- und Fettstoffwechsel und es fördert die Rückresorption von
Natrium in der Niere (Blutdrucksteigerung!).
Wenn nun zuwenig Insulin vorhanden ist, steigt der Blutzuckerspiegel an.
Diabetes mellitus ist also nichts anderes als eine
Insulinmangelkrankheit. Darum gibt man auch Medikamente, die die
Insulinausschüttung stimulieren oder Insulin selbst (Medikamente).
Leider ist die Angelegenheit aber noch ein bisschen komplexer.
So wie der Pankreas zwei Funktionen hat, so gibt es auch zwei
Diabetes-Erkrankungen, die völlig unterschiedlicher Natur sind – der
Diabetes mellitus Typ I und Typ II. Beim Diabetes Typ I handelt es sich
um eine
Autoimmunerkrankung. Dabei bildet das
Immunsystem Abwehrkörper
gegen körpereigene Bestandteile. Die Langerhansschen Inselzellen werden
dabei zerstört und können kein Insulin mehr produzieren. Die Folge ist
ein absoluter Insulinmangel. Will der Typ I-Diabetiker überleben, muss
er Insulin von außen zuführen. Es gibt keinen anderen Weg. Vergleichbar
ist diese Erkrankung mit dem
Rheuma, der Schilddrüsenentzündung
Der Typ II-Diabetes ist nun etwas gänzlich anderes. Hier haben wir nicht
zuwenig Insulin. Wir haben sogar zuviel Insulin (zumindest am Anfang der
Erkrankung). Das Insulin wirkt aber an den Zellen nicht mehr so
effektiv, was die Ärzte eine
Insulinresistenz
nennen. Wir haben also einen absoluten Insulinüberschuss bei einem
relativen Insulinmangel – es ist eigentlich mehr da als bei
Stoffwechselgesunden, aber zuwenig, um den Zuckergehalt im Blut normal
zu halten. Darum müssen beide Krankheiten auch gänzlich unterschiedlich
angegangen werden. Ausnahmen: Im Spätstadium produziert auch der Typ
II-Diabetiker kaum noch oder kein Insulin mehr – dann ist er dem Typ
I-Diabetiker gleichzusetzen. Auch der Typ I-Diabetiker profitiert von
einem niedrigen Körpergewicht (weil er dann auch weniger Insulin
benötigt), er sollte auch dieselben diagnostischen Maßnahmen ergreifen,
um
Sonderformen: Was sind LADA, MODY, Gestationsdiabetes?
LADA ist in diesem Fall keine Automarke, sondern die Bezeichnung für
Latent Autoimmune Diabetes in Adults, also das Auftreten eines
(jugendlichen) Autoimmundiabetes im Erwachsenenalter. Hier sind
Diabetes-Antikörper (z.B. GAD, ICA, IA-2, IAA) nachweisbar. Er muss wie
ein Typ I-Diabetes behandelt werden, also meist sehr schnell mit
Insulin.
MODY ist keine neue Bekleidungsmarke sondern die Bezeichnung für
Maturity Onset Diabetes in Young people, also ein Altersdiabetes, der
aber schon sehr früh auftritt. Dabei handelt es sich um einen speziellen
Gendefekt (das Glucokinase-Gen, welches für die Freisetzung von Insulin
bei hohen Blutzuckerwerten verantwortlich ist, ist defekt), der sich im
Zweifelsfall auch laborchemisch nachweisen lässt. Der Gestationsdiabetes ist ein Diabetes, der während der besonderen Stoffwechselsituation der Schwangerschaft auftritt. Es kann sich dabei um die Erstmanifestation eines Typ I- oder eines Typ II-Diabetes handeln.
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